Die Bonobo-Revolution: Warum Kooperation besser ist als Konfrontation

Hot Take: Der Grund, warum Bewegungen scheitern, liegt nicht daran, dass ihre Ideen falsch sind, sondern an ihrer Kommunikationsstrategie. Wir bekämpfen uns gegenseitig, anstatt die Systeme anzugehen, die uns alle unterdrücken.

Die Bonobo-Revolution: Warum Kooperation besser ist als Konfrontation

Wer etwas mit der YouTube- und Twitch-Szene bewandert ist, ist sicher schon auf die Namen Shurjoka, Dekarldent und SarahsVeganSpace gestoßen. Selbst wenn sie außerhalb ihrer Bubble hauptsächlich im Gossip-Bereich behandelt werden, sind sie doch sehr gute Beispiele für das angesprochene Problem. Sie alle möchten eigentlich für progressive Werte wie gesellschaftliche Gerechtigkeit einstehen, trotzdem sind sie in endlose Konflikte verstrickt, mit aggressiven Reaktionen auf berechtigte Kritik, Rechtstreitigkeiten und zerbrochenen Freundschaften.

Dabei gibt es durchaus Positivbeispiele in der Szene: Creator wie Freiraumreh (einst Shurjokas beste Freundin, bevor sich beide zerstritten), Marcant, imp und Banniuwu zeigen, dass es auch anders geht – sie vertreten ihre Überzeugungen durchdacht und respektvoll, ohne in destruktive Kommunikationsmuster zu verfallen.

In meinem neuen Artikel auf Medium erkläre ich, warum ich glaube, dass wir einen völlig anderen Ansatz für Aktivismus brauchen – einen, der auf Kooperation statt Konfrontation setzt. Es geht um eine Alternative zu der destruktiven Kommunikationskultur, die unsere Debatten vergiftet, und eine Vision für "radikale Zärtlichkeit" als Widerstandsform.

Folgend ist die deutsche Übersetzung meines Artikels:


Was wäre, wenn wir gesellschaftliche Konflikte wie Bonobos lösen würden: mit Kuscheln statt Kämpfen, Teilen statt Horten, Verbindung statt Wettbewerb? Klingt verrückt? Vielleicht. Aber nachdem ich über Aktivismus, Systemkritik und unsere aktuellen Probleme nachgedacht habe, bin ich überzeugt, dass wir mehr von unseren friedlichen Primaten-Cousins lernen können als von jedem Wirtschaftstheoretiker.

Fortschritt, aber für wen?

Lass mich mit einem konkreten Beispiel beginnen, das zeigt, wie unser System systematisch Menschen ausschließt. Als Rollstuhlfahrer mit eingeschränkter Handbeweglichkeit erlebe ich täglich, wie die Tech-Welt eine ganze Gruppe von Menschen vergisst: Immer mehr Dienste existieren nur noch als Smartphone-Apps. Web-Versionen? Verschwinden. "Mobile First" bedeutet für mich oft "Mobile Only".

Warum? Weil ich Touchscreens nur über Umwege bedienen kann. Weil Maus und Tastatur für mich essenzielle Werkzeuge sind, keine nostalgischen Relikte. Weil ein großer Bildschirm für mich Barrierefreiheit bedeutet, nicht Luxus.

Aber es geht nicht nur um mich. Es geht um Menschen mit verschiedenen motorischen Beeinträchtigungen, die präzise Maussteuerung brauchen. Menschen mit Sehbehinderungen, deren Screenreader besser mit Websites als Apps funktionieren. Alle, die sich keine teuren Smartphones leisten können oder deren alte Geräte moderne Apps nicht mehr unterstützen.

"Mobile First" ist im Grunde ein kapitalistisches Projekt: Apps ermöglichen mehr Tracking, App-Stores kassieren Provisionen, und Lock-in-Effekte binden Nutzer an Plattformen.

Das Kernproblem: Macht und ihre Parasiten

Diese Tech-Ausgrenzung ist nur eines von vielen Symptomen eines viel größeren Problems. Überall sehen wir, wie Machtkonzentration zu Ausgrenzung führt. Skrupellose Menschen drängen zur Macht, und das System belohnt sie dafür. Der Kapitalismus hat eine perfekte Maschine geschaffen, die empathielose Führung fördert.

Die scheinbar einfache Lösung – "Werft sie alle raus!" – ist ohne gewaltsamen Umsturz nicht möglich, und selbst dann kehrt das Problem zurück. Neue machthungrige Menschen rücken nach; das System produziert sie am Fließband. Gewalt reproduziert nur das Problem. Was wir brauchen, ist Systemwandel, nicht Personalrotation.

Das Aktivismus-Paradox: Wenn wir uns selbst bekämpfen

Das Frustrierende: Während wir über die richtige Strategie streiten, lachen die Mächtigen über uns. Ich sehe dieses Problem ständig. In Tech-Communities streiten wir über die "richtige" Art von Open Source, während Big Tech unsere Daten erntet. Aktivisten canceln sich gegenseitig wegen Formulierungen, während der Planet brennt. Die Linke zerfleischt sich über Identitätspolitik vs. Klassenkampf, während die Rechte geschlossen marschiert.

"Divide et impera" – teile und herrsche. Funktioniert seit Jahrtausenden, funktioniert immer noch. Wir bekämpfen die, die wir erreichen können (einander), statt die, die wir erreichen sollten (die Mächtigen). Und unsere Kommunikationsweise verhindert genau die Einheit, die wir brauchen.

Was wäre, wenn wir etwas anderes versuchten? Statt diejenigen abzutun oder anzugreifen, mit denen wir nicht übereinstimmen, könnten wir Wandel durch radikales Verständnis angehen. Statt sofort jemandes Analyse zu korrigieren, könnten wir fragen: "Wer profitiert deiner Meinung nach am meisten von diesen Spaltungen?" Mit Fragen und sanften Stupsen könnten wir Menschen helfen, ihre Sorgen zu den echten Machtstrukturen dahinter zurückzuverfolgen.

Die Bonobo-Alternative: Radikale Zärtlichkeit als Widerstand

Hier kommen die Bonobos ins Spiel. Diese faszinierenden Primaten haben eine Gesellschaft entwickelt, die auf Kooperation statt Wettbewerb basiert. Sie lösen Konflikte durch körperliche Nähe. Sie teilen Ressourcen selbstverständlich. Sie leben in matriarchalen Strukturen, in denen Fürsorge zentral ist. Und ja, sie haben viel Sex – als soziales Schmiermittel, Konfliktlösung und Ausdruck von Verbindung.

Was können wir lernen?

Solidarität über Perfektion: Wir müssen nicht in allem übereinstimmen. 80% Gemeinsamkeit reichen. Der Rest ist Vielfalt, keine Schwäche.

Fürsorge im Zentrum: Care-Arbeit, emotionale Unterstützung, gegenseitige Hilfe – das sollten unsere Prioritäten sein, nicht Produktivität und Profit.

Dezentrale Strukturen: Keine Alpha-Tiere, die alle Entscheidungen treffen. Macht rotiert, Entscheidungen werden gemeinsam getroffen.

Freude am Widerstand: Aktivismus muss nicht immer ernst und erschöpfend sein. Kuschel-Demos statt Marschkolonnen? Warum nicht!

Open Source und das Fediverse als lebende Beispiele

In meiner Arbeit mit Open Source und dezentralen Technologien sehe ich bereits Ansätze dieser Philosophie. Wenn wir Code teilen statt horten, wenn Communities gemeinsam Projekte entwickeln statt zu konkurrieren, wenn Wissen frei fließt statt hinter Paywalls zu verstecken – dann leben wir bereits ein Stück Bonobo-Gesellschaft.

Projekte wie das Fediverse zeigen: Es geht ohne Zuckerberg und Musk. Dezentral, community-owned, auf Augenhöhe. Das ist meine Vision digital umgesetzt!

Der Weg nach vorn: Kleine Schritte, große Vision

Wir werden das System nicht über Nacht stürzen. Aber wir können anfangen, anders zu leben:

In unseren Communities: Konflikte durch Nähe lösen, nicht durch Ausschluss. Erfolge gemeinsam feiern. Fehler als Lernchancen sehen.

In der Technologie: Barrierefreiheit als Standard, nicht als Add-on. Web für alle statt Apps für wenige. Dezentrale Alternativen bauen.

Im Aktivismus: Brücken bauen statt Gräben vertiefen. Die 20% Unterschiede akzeptieren, auf den 80% Gemeinsamkeiten aufbauen.

Im Alltag: Teilen normalisieren. Fürsorge priorisieren. Wettbewerb verweigern, wo möglich.

Make Love, Not War – Aber macht es richtig

Die Welt brennt. Der Faschismus marschiert wieder. Das Klima kollabiert. Die Reichen werden reicher. Es wäre leicht zu verzweifeln.

Aber vielleicht ist jetzt genau der Moment für radikale Zärtlichkeit. Für Solidarität mit Unvollkommenheit. Für Bonobo-Energie in einer Schimpansen-Welt.

Lasst uns Systeme hacken statt Menschen. Lasst uns kuscheln statt kämpfen (außer mit denen da oben – die brauchen keine Bonus-Kuscheleinheiten). Lasst uns eine Welt bauen, in der alle einen Platz haben – ob sie Apps oder Websites bevorzugen, ob sie laufen oder rollen, ob sie perfekte Aktivisten sind oder noch lernen.

Die Revolution wird nicht getwittert. Sie wird gekuschelt. 🐵💕


Was denkst du? Zu radikal? Zu kuschelig? Teile deine Gedanken unten. Und wenn es dir gefällt: Teile diesen Post. Nicht weil du musst, sondern weil Teilen Bonobo-Style ist.